Angst und Schrecken beim Hund

Einer der Import-Hunde aus Spanien, dem ich im Wald häufiger begegne, lebt seit seiner Ankunft in Deutschland in Angst und Schrecken. Jeder entgegenkommende Mensch bringt ihn dazu, ängstlich den Schwanz einzuklemmen und die Beine in den Boden zu stemmen. Jeder Jogger treibt ihn ins Gebüsch, wo er am Ende der Leine zitternd hofft, das das Ungeheuer ihn verschont. Jeder Radfahrer bedeutet eine Katastrophe. Autos sind ein furchtbarer Feind. Tapfer bestehen seine Menschen auf den Spaziergängen. Freude – Lebensfreude und höhere Lebensqualität – haben beide Seiten wenig. Dafür gibt es einfach zu viele andere Spaziergänger, zu viele Radfahrer, zu viele Jogger und Autos. Das geht mehr als einem Jahr so. Mehr als zwölf Monate Angst und Schrecken für diesen kleinen Hund in einer feindlichen Umgebung.

Dieser Hund ist mit dem Leben in Deutschland schlicht und einfach überfordert. In seiner Welpenzeit ist er nicht gefordert (und gefördert) worden. Vielleicht war er auch gut in Spanien angepasst – vielleicht irgendwo auf dem Land, wo es einfach weniger Radfahrer, Jogger und Autos gibt, wo keine Flugzeuge den Flughafen ansteuern und keine Militärmaschinen üben. Seine Menschen sind mit ihm überfordert. Tapfer versuchen sie es jeden Tag auf’s neue.

Ein Hund ist aus Spanien geholt worden – aber wie steht es mit seiner Lebensqualität in Deutschland? Seine neuen Besitzer geben sich tagtäglich Mühe – aber was ist mit ihrer Lebensqualität? Das Leben mit einem Angst-Hund ist kein Zuckerschlecken.

Was ist mit den gesundheitlichen Folgen des Dauerstresses? Wann wird Angst zur Qual? Zur Tierquälerei?

Nicht alles ist mit Training in Ordnung zu bringen. Nicht ohne Grund sozialisiert ein guter Züchter seine Welpen: auf Autos. Auf Kinder. Auf Besucher. Auf Wasser und Schwimmen, auf Pferde … Allein schon die Tatsache, dass ein Welpe bei einem guten Züchter  vom ersten Lebenstag immer wieder angefasst wird, führt dazu, dass ein solcher Hund eine ganz andere Gehirnentwicklung erlebt als ein Hund, der im Zwinger  geboren wird. Allein schon, weil ein solcher Welpe täglich gewogen wird (vom gestreichelt werden ganz zu schweigen), wird sein ganzes Leben in Deutschland besser verlaufen. Viele wissenschaftliche Untersuchungen haben das nachgewiesen.

Welpen lernen unglaublich schnell und viel. Wenn sie gelernt haben, dass Menschen, Autos, Flugzeuge, Radfahrer, Jogger, … gefürchtet werden müssen – hat der Hund lebenslang ein Problem in Deutschland. Dazu kommt die Epigenetik: wenn die Mutter Stress erlebt hat und dadurch hormonelle Anpassungsreaktionen nötig wurden, gibt sie diese Reaktionslage an ihre Nachkommen weiter. Sie reagieren dann lebenslang leichter mit Stress und Angst als andere Hunde mit einer „glücklicheren Kindheit“.

Ich glaube an Lebensqualität. Wie sehen Sie das?

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